25 – Der Einfluss der Selbstdispensation auf prozessuale und medizinische Messwerte bei Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko

Physician-dispensing as a determinant of clinical and process measurements in patients at increased cardiovascular risk: A cross-sectional study in Swiss general practice

Rachamin Y, Meier R, Valeri F, Rosemann T, Muheim L

Health Policy, 2021: Volume 125, Issue 10

 

Hintergrund:

In einigen Gesundheitssystemen ist es Ärztinnen/Ärzten erlaubt, Arzneimittel abzugeben (Selbstdispensation); in anderen ist die Abgabe von Arzneimitteln Apothekerinnen/Apothekern vorbehalten. In der Schweiz entscheiden die Kantone über die Selbstdispensationsregelung. Ob die Selbstdispensation die Gesundheit von Patienten/Patientinnen beeinflusst, ist unbekannt. Daher wollten wir den Zusammenhang zwischen Selbstdispensation und klinische und prozessualen Messwerte bei Patientinnen/Patienten mit ausgewählten Langzeiterkrankungen untersuchen.

Methoden:

Retrospektive Querschnittsstudie in der Schweizer Hausarztmedizin im Jahr 2018 basierend auf Daten aus elektronischen Krankenakten von 22405 Patienten (73,6% Selbstdispensation) mit Medikation für Diabetes mellitus, arterieller Hypertonie oder Dyslipidämie. Wir verwendeten mehrstufige Regressionsmodelle, um die Assoziationen zwischen Selbstdispensation und klinischen Messwerten (glykiertes Hämoglobin [HbA1c], systolischer Blutdruck [sBP], Low-Density-Lipoprotein-Cholesterin [LDL-C]) oder Prozessmessungen (Anzahl jährlicher Messungen, Konsultationen und Arzneimittelverschreibungen) zu bestimmen.

Ergebnisse:

Der mittlere HbA1c-Wert (Interquartilsbereich) lag sowohl in der Selbstdispensationsgruppe als auch in der Nicht-Selbstdispensationsgruppe bei 6,8% (6,3-7,5), der sBP bei 137 (126-150) und 136 mmHg (126-149) und das LDL-C bei 2,3 (1,8-3,0) und 2,5 mmol/L (1,9-3,2). Nach Anpassungen wies die Selbstdispensationsgruppe 4% niedrigere LDL-C-Werte auf (p = 0,041), 12% häufigere HbA1c-Messungen (p = 0001), 16% höhere jährliche Konsultationsraten (p < 0,05 für alle Bedingungen) und die gleiche Anzahl verschiedener Arzneimittel (im Vergleich zur Gruppe ohne Selbstdispensation).

Schlussfolgerung:

Bei den selektierten klinischen Messgrössen fanden wir keine relevanten Unterschiede zwischen Patientinnen/Patienten von Ärztinnen/Ärzten, welche Medikamente selbst abgeben (Selbstdispensation), und solchen, die keine Medikamente abgeben. Bei den Prozessmessungen ergaben sich gemischte Resultate. Unsere Ergebnisse deuten nicht darauf hin, dass eine der beiden Arten der Arzneimittelabgabe (Arztpraxen oder Apotheken) der anderen überlegen ist.