Polypharmazie und Deprescribing
Verantwortlicher für den Inhalt: Prof. Dr. med. Stefan Neuner-Jehle, MPH
Forschung zu Polypharmazie und Deprescribing
Ein zentraler Schwerpunkt der Versorgungsforschung am Institut für Hausarztmedizin ist der Umgang mit Multimorbidität und Polypharmazie in der ambulanten Versorgung, an Schnittstellen (wie zum Beispiel dem Austritt vom Spital nach Hause) oder bei HeimbewohnerInnen.
Zur Multimorbidität und der Betreuung chronisch Kranker finden Sie ausführliche Informationen auf dieser Webseite: Chronic Care
Polypharmazie, also die gleichzeitige Einnahme mindestens 4-5 Medikamenten über längere Frist, ist weit verbreitet. Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Anzahl Erkrankungen, und es entstehen zunehmend komplexe Krankheitsbilder (zum Beispiel Krankheiten, die mehrere Organsysteme betreffen, oder eine Kombination von Krankheiten). Diese Mehrfach- und Komplexerkrankung – als Multimorbidität bezeichnet – führt häufig zur Verordnung einer Vielzahl von Medikamenten und damit direkt in die Polypharmazie. Schätzung gehen davon aus, dass jeder zweite bis fünfte ältere Mensch von Polypharmazie betroffen ist.
Hier heisst es also, wachsam zu sein, damit die Balance zwischen Nutzen und schädlicher Auswirkung von Medikamenten nicht auf die negative Seite kippt. Denn die Polypharmazie bringt erhebliche Risiken mit sich: Die vielen Medikamente interagieren miteinander, mit Folgen auf die Medikamentenkonzentrationen im Körper und mit der Entstehung neuer chemischer Verbindungen. Die Nebenwirkungen der Substanzen kumulieren und führen oft zu Müdigkeit, Verwirrtheit und Schwindel mit Stürzen. Etwa jede zehnte Hospitalisation erfolgt aufgrund von Polypharmazie und wäre somit vermeidbar.
Dem hausärztlichen Praxisteam kommt beim Umgang mit Polypharmazie eine besondere Verantwortung zu. Durch kluges Verschreiben, regelmässiges kritisches Überprüfen der Medikationslisten und vertrauensvollem Austausch mit Patientinnen und Patienten über die Behandlungsziele sind Hausärztinnen und Hausärzte und ihre Mitarbeitenden in einer Schlüsselposition, ihre Patientinnen und Patienten vor Polypharmazie und deren Auswirkungen zu schützen.
Das aktive Absetzen von unangemessenen Medikamenten wird als Deprescribing bezeichnet, übersetzt «Rückverschreibung» (in Analogie zum Prescribing, «Verschreibung»). Unsere Forschungsgruppe beschäftigt sich damit, wie Deprescribing in den verschiedenen Settings (ambulante Versorgung, Schnittstellen zur stationären Versorgung, Pflegeheim) umsetzbar ist, welche Instrumente dazu nützlich sind und welche Faktoren zum Erfolg oder Misserfolg des Deprescribing beitragen. Zu den einzelnen Themenfeldern finden Sie weiter unten mehr Informationen.
Unser Ziel ist es, zur wissenschaftlichen Evidenz in diesem spannenden und relevanten Bereich der Grundversorgung beizutragen und daraus griffige Empfehlungen zu formulieren. Beachten Sie dazu auch unsere aktuelle Guideline Polypharmazie (PDF, 389 KB).